Wozu der Zugbegleiter, steht doch nichts besonderes drin?

Für den normalen Bahnreisenden ist der "Ihr Zugbegleiter" (IZB) nur eine Auflistung der Bahnhöfe mit den wichtigsten Anschlüssen und vielleicht ein Werbeblättchen. Wie bei so vielen Dingen schafft aber auch hier die Betrachtung im Rückblick interessante Einblicke.

Die Kernaufgaben des IZB sind/waren.
  • Informationen über den Fahrplan (Bahnhöfe, Anschlüsse)
  • Informationen über die Leistungen im Zug (gibt es eine Gastronomie (wenn ja ggf. wo)), gibt es weitere Serviceleistungen (Telefon, Zugsekretariat, Mutter und Kind Abteil, Minibar usw.)
  • Ergänzende Informationen zu Veränderungen/Besonderheiten (Abschaffung von Bahnsteigsperren, max. Durchschnittsgeschwindigkeit usw.)
  • Werbung. Zur Finanzierung der IZBs wurde immer schon Werbung geschaltet
  • Information zu Fahrplanabweichungen, z. B. wg. temporärer Baustellen
Wie man sieht, kann der IZB viele Informationen enthalten bzw. hat sie früher enthalten (Zugsekretariate gibt es ja z. B. nicht mehr).

Für den Sammler ergeben sich darüber hinaus im geschichtlichen Rückblick weitere Details.
So ist der IZB auch ein Spiegel seiner Zeit. Im Laufe der Jahrzehnte, immerhin gab es die ersten Zugbegleiter in den 1930er Jahren(!), haben diese, zumal als Werbeträger, sich immer wieder an die zeitlichen Gegebenheiten angepasst. Dieses betrifft sowohl das Layout und den verwendeten Zeichensatz, wie auch die Darstellung der Informationen.
Wer erinnerst sich von den Jüngeren noch an die Aktion "Vergiss mein nicht - die Postleitzahl"? Neben der Show mit Peter Frankenfeld gab es natürlich auch Anzeigen im Zugbegleiter.D30 vom August 1965
In den 1960er Jahren gab es, aus Bahn- und Kundensicht, erhebliche Veränderungen, auf welche die Kunden auch vorbereitet werden mussten. Die Bahnsteigsperren entfielen Zug u
D89 vom April 1966
m Zug. Plötzlich wurden die Fahrkarten nicht mehr im Bahnhof kontrolliert sondern, wohlmöglich mehrfach, im Zug.

Auch die Geschwindigkeiten der Züge wurden, durch Streckenausbau, neue E-Loks und neue Zugtypen, erhöht. Das Marketing verlangte natürlich nach der Bekanntgabe solcher "Leistungen".
Im hochwertigen Fernverkehr (F-Zug, TEE und IC bis zur Klassenreform 1979) gab es auf Teilstrecken Zugsekretariate. Dort konnte der Geschäftsreisende seine Korrespondenz von einer Sekretärin erledigen lassen und Telefonate (Mobilfunk gab es nicht!) tätigen. Aus
TEE10 vom November 1975
heutiger Sicht geradezu lächerlich (sofern man nicht in einem Funkloch ist oder keine Steckdose für den schwachen Akku seines Notebooks hat), damals eine Symbol für Luxus. Auch diese Leistungen, ggf. mit Preisangabe, fanden sich im IZB.
DC 918 November 1973
Mit der Einführung neuer Züge wurden auch immer wieder neue Designs im IZB ausprobiert. Als der DC, das InterCity Ergänzungssystem, eingeführt wurde, war das Deckblatt der IZBs gelb.
Dem DC war, aus guten Gründen, nur ein kurzes Leben von 1973-1978 beschert (siehe
WIkipedia).
Mit der Einführung des ICE gab es div. Änderungen, die jedoch nur die ersten zwei Jahre Bestand hatten. So war das Deckblatt
ICE790-1991
silber, und der Druck im IZB war quer über den gesamten IZB; eine ziemlich unhandliche Sache. Für den Sammler besonders tragisch, es gab auf diesen Exemplaren keine Angeben zum Monat und Jahr der Gültigkeit! So kann man im Nachhinein die verbliebenen Sammler-Exemplare einordnen. Glück hat man, wenn eine Anzeige für Ausstellungen u. Ä. im IZB ist, dann ist zumindest eine Einschränkung auf ca. ein Halbjahr möglich.
Heute ist der IZB immer noch vielfältig, wenn auch, weil eben im heutigen Design, erstmal nicht weiter Auffällig. (in 20 Jahren wird man aber auch hier sagen, was für ein Design, was für seltsame Inhalte). Es gibt Informationen zu den Anschlüssen, im ICE einen Plan wo was im Zug zu finden ist, Informationen zum Audioprogramm im ICE, Anschlüsse usw.. Auch Anzeigen finden sich und oftmals monatlich wechselnde Informationen zu Umleitungen oder sich vorübergehend ändernden Anschlüssen.

Spannend wird es für den Sammler, wenn es vorübergehend besondere Züge gibt. So z. B. Die Züge zur Expo 2000 oder zur Fußball WM 2006.
Im Nachhinein sind natürlich auch Pläne aus großen Umleitungen interessant. So z. B. während der großen Streckensperrungen zwischen Koblenz und Mainz als die linke Rheinstrecke saniert wurde, als ICE-T Züge gerade im Süddeutschen Raum ausfielen und durch Triebwagen der Baureihe 612 ersetzt wurden (die Zugnummern waren damals fünfstellig und begannen mit einer 9) oder 2009 mit den Ersatzzügen Auf der Strecke Wiesbaden-Frankfurt-Leipzig-Dresden, weil wieder einmal ICE-T ausgefallen sind (Zugnummern ebenfalls fünfstellig, beginnend mit 7). Mehr zum spannenden Thema Zugnummernsystem auf
Wikipedia.

Nicht zu Unterschätzen ist der der IZB als Werbeträger. 2009 beträgt seine Auflage rd. 5.2 Millionen, Exemplare. Natürlich sind auch die Kosten für den IZB nicht unerheblich. Neben der monatlichen neuen Erstellung unter Berücksichtigung aller evtl. Änderungen, müssen genügend Exemplare gedruckt uns an die richtigen Bahnhöfe geliefert werden. Somit gibt es an allen Bahnhöfen, an denen Züge starten Lager aus den vor Fahrtantritt die Zugbegleitern die Zugbegleiter ;-) holen.
D 782 Februar 1984
Bis in die 1980er Jahre war die die Deutsche Bundesbahn sogar dem Reiz der Zugbegleiter als Sammelobjekt bewusst und hatte immer wieder mal solche Anzeigen in den Flyern. Leider haben die wenigstens der heutigen Sammler dieses Angebot genutzt, es bewahrheitet sich wie üblich der Satz, "hinterher ist man immer schlauer".

Wer als Nicht-Sammler noch IZBs in einer Ecke zu Hause findet sollte mal auf eBay schauen. Hier gibt es einen umfassenden Handel, vielleicht ist Ihr verbliebenes Exemplar ja schon eine Wertanlage?